Foto: Jan Erdmann

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde und Freundinnen,
Gut, dass heute ein Festakt zu Ehren von Karl Heinrich Ulrichs stattfindet – Danke an das Forum Homosexualität München für die Organisation und dem NS-Dokumentationszentrum, das die Räume zur Verfügung gestellt hat. Auch vielen Dank für die Einladung zum Festakt. Ich kann leider aus persönlichen Gründen nicht teilnehmen, und freue mich um so mehr, dass ich ein kurzes Grußwort übersenden darf.

Karl Heinrich Ulrichs war ein mutiger Mann. Denn in der Rede, die er auf dem Deutschen Juristentag 1867 in München halten wollte, und die vorab bekannt wurde, wollte er fordern, einvernehmlichen Sex zwischen Menschen gleichen Geschlechts straffrei zu stellen. Ulrichs war dabei sicherlich klar, dass er großen Widerstand beim Juristentag hervorrufen wird, und damit seine eigene juristische Karriere aufs Spiel setzt. Dennoch ist er seiner Überzeugung treu geblieben, und damit gilt er zu Recht als erster Vorkämpfer für die Gleichstellung von Homosexuellen. Das war mutig.

Ulrichs konnte sich mit seiner Idee, einvernehmlichen Sex unter Homosexuellen straffrei zu stellen, leider nicht durchsetzen. Dies hätte übrigens nach Bayerischem Vorbild gelten sollen. Denn in Bayern war zu diesem Zeitpunkt Homosexualität straffrei im Gegensatz zu Preußen. Er konnte sich nicht durchsetzen – Ganz im Gegenteil: 1871 wurde der Preußische Homosexuellenparagraph auf das ganze Kaiserreich ausgedehnt sowie der Paragraph 175 verabschiedet, der unter dem Naziregime schließlich noch deutlich verschärft wurde.

Der § 175 wurde ERST 1994 endgültig abgeschafft. Dennoch hat es noch einmal viele Aktivistinnen und Aktivisten gebraucht, um die nach dem § 175 Verurteilten – wenigstens minimal – zu rehabilitieren und die Ehe für alle auch in Deutschland einzuführen. Wie ich finde, ein sehr mutiger Kampf für die gesellschaftliche Geleichstellung und Akzeptanz von homosexuellen Menschen, die mit Ulrichs vorbildlichen Engagement begann.

Ja, es wurde in den letzten Jahren viel für die gesetzliche Gleichstellung von Homosexuellen erreicht, aber leider sind wir noch weit von einer vollständigen gesellschaftlichen Akzeptanz entfernt. Deshalb ist das Engagement des Forums Homosexualität München so wichtig, denn mit seiner Arbeit setzt sich das Forum nicht nur für die geschichtliche Aufarbeitung, sondern auch für die Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Lebensweise im hier und jetzt ein.

Wir brauchen mutige Aktivistinnen und Aktivisten in der Politik und Gesellschaft, denn ohne den Einsatz und die Beharrlichkeit von Euch und politischen MitstreiterInnen wäre zum Beispiel ein Bodendenkmal für die vom Nazi-Regime in München verfolgten Homosexuellen sicherlich nicht möglich gewesen. Und es war ein bewegender Moment, als es eingeweiht wurde.

Ich freue mich daher sehr, dass diese Veranstaltung heute an einem so würdigen Ort wie dem NS-Dokumentationszentrum durchgeführt werden kann, und wünsche eine gute und erfolgreiche Veranstaltung.

Mit ganz lieben Grüßen
Claudia Stamm (MdL)

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