22.Februar 2016

Clausnitz – und warum es mich besonders verstört! …von grünen Pfeilen und Ampelmännchen

Vorne weg: Ich bin niemand, die die Deutsche Einheit anzweifelt oder gesamt Sachsen verflucht. Ich versuche auch immer nicht diese „ich/wir als Westdeutsche wissen alles besser“–Haltung einzunehmen. Dazu müssen Sie wissen, dass ich mal in Berlin Mitte gewohnt habe, gleich um die Ecke der Synagoge. Es war nicht das Berlin, und erst recht nicht das Berlin-Mitte, das man heute kennt. Die Luft war noch schwer und gelblich vor lauter Kohle. Es gab die Montags-Bar noch und auch sonst die oder andere Bar im Keller oder im Hinterhof, bei der man durchs Fenster einsteigen musste, weil es keinen Eingang gab. Es war also das Berlin Mitte der 90er Jahre.


Mein Mitbewohner in dieser einfachen Wohnung in einem – wie damals alle Altbauten in Mitte – heruntergekommen Gebäude war ein Ost-Berliner. Ein Ost-Berliner, der bestimmt nicht staatskonform war, aber dem es auf die Nerven ging, wie ganz Ost-Deutschland übernommen wurde… einfach geschluckt vom Westen, und der mich durchaus sensibilisierte für das ein oder andere. Gleichzeitig jobbte ich in einer Postfiliale im Westen. Viele meiner Kollegen waren alteingesessene Berliner – wohlgemerkt West-Berliner – man hörte es am Dialekt, am Akzent. Diese waren noch nie im Osten.

Fakt ist doch, der Prozess der Wiedervereinigung war kein gewachsener – das geht eventuell auch gar nicht. Aber in diesem Prozess wurde nicht darüber reflektiert, was man an Einrichtungen, Strukturen oder auch Werten für ganz Deutschland übernehmen könnte, was gut und richtig in der DDR war… was blieb ist der Grüne Pfeil an der Ampel, anfangs gab es ihn so selten im Westen, dass alle Autos einfach stehen blieben. Inzwischen gibt es auch manchmal die ost-deutschen wunderschönen Fußgänger-Ampel-Männchen – doch dazu bedurfte es schon einer Protest-Bewegung – eine Bewegung, die diese Ampel-Männchen rettete.

Also seien wir mal ehrlich, diese Übernahme des Ostens – wohlgemerkt eines absolut kaputten Ostens – kostete der Bundesrepublik ein Heiden-Geld! Aber rein wirtschaftlich gesehen, haben wir es doch geschafft. Weswegen haben so viele Menschen im Osten also diese Angst, dass wir es dieses Mal nicht schaffen können? Und weswegen verspüren diese Menschen in Clausnitz keine Empathie, wenn sie weinende geflüchtete Kinder im Bus sehen?

Ich halte fest, was ich auf diesem Video sehe: Ich sehe Menschen, die viel Leid erlebt haben, die ihre Heimat verlassen haben, in der Hoffnung auf mehr Sicherheit. Ich sehe Kinder, die sehr verstört sind, weinen und ein Kind, das schließlich von einem Menschen in Uniform – also von einem Menschen, der den Staat vertritt und in diesem Moment wohl auch für das Kind verkörpert – also von einem Polizisten mit Gewalt aus dem Bus geholt wird, während die Menschen, die vor und um den Bus stehen, die ganze Zeit schon laut und auf mich gefährlich wirkend grölen, klatschen und johlen.

Wo bleibt da die Empathie? Wo ist da der Mut?

Ich wünsche mir mehr Menschlichkeit in diesem Land und dass die Menschen, die Asylbewerber derart bedrohen, angreifen oder ihnen gar eine Mitschuld geben, mehr Vertrauen haben – auch mehr Vertrauen in sich selbst haben. So kann es uns gelingen.

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