22.Oktober 2015

Reise zu den Flüchtlingstreks in Kroatien

Liebe alle, sehr geehrte Damen und Herren,
zusammengefasst könnte man sagen: Europa, wo bist du nur? Unglaublich, was sich vor unserer Haustür abspielt. Als ich Sie im September um eine schnelle Unterstützung für Flüchtlinge an der Grenze bat, haben Sie mir ganz kurzfristig und unbürokratisch geholfen. Dafür möchte ich Ihnen nicht nur ganz herzlich danken, sondern Ihnen auch kurz über meine Erfahrungen berichten

KroatienGrenze

Wir sind mit dem Ziel aufgebrochen, irgendwo an der kroatisch-serbischen Grenze – da wo es am meisten „brennt“. Dabei wussten wir nicht, was uns erwarten würde. Schnell war klar, dass wir Richtung Vukovar fahren werden und sind nach einem kurzen Briefing und der Sondierung der Lage zum Grenzübergang bei Tovarnik gegangen. Dort wurden Flüchtlinge bei einem Friedhof festgehalten, weil es offenbar keine Kapazitäten mehr im nahen Lager gab! Was für eine unglaublich grausame Umgebung für Flüchtlinge.
Über 1000 Geflüchtete waren da:
Hochschwangere, Familien mit Kindern, Kinder, die ganz offenbar krank waren und sich vor Kälte nicht mehr rühren konnten, und natürlich viele Männer. Es wurden immer mehr, überall zwischen den Gräbern… während die Polizei ein Fortkommen verhinderte – nicht mal die sauberen Dixie-Toiletten durften benutzt werden. Männer in kurzen Hosen, nur mit Slippern an den Füßen, Kinder ohne Schuhe oder Socken, teils nur in T-Shirts. Hungrig. Verunsichert. Es ist kaum zu beschreiben, wie übermächtig der Impuls ist, in so einer Situation zu helfen. Man läuft nicht, man rennt. Man teilt aus, sieht andere Bedürftige, eilt, freut sich, wenn der warme Schuh passt, die gefütterte Jacke sitzt. Hektisch wird es, als das erste Mal Regen fällt. Wir finden zum Glück Regenponchos, leider viel zu wenige. Wir wickeln die gespendeten Rettungsdecken um Menschen.
Nach fast 40 Stunden auf den Beinen beschließen wir, eine kurze Pause zu machen und erleben auf dem Rückweg ein heftiges Gewitter mit einem Platzregen, wie ihn bislang noch keiner von uns erlebt hat. Es schnürt uns die Kehle zu bei der Vorstellung, was jetzt an der Grenze los sein muss.
In dem Bereich, wo wir mit unseren Spenden waren, durften sich nur Familien aufhalten. Wir konnten zumindest mit den gespendeten Dingen einen Tropfen auf den heißen Stein „liefern“ – und das ist in diesem Zusammenhang fast schon zynisch! Es treibt einem die Tränen in die Augen, wenn man sieht, dass die Kinder, denen wir nach dem Platzregen teilweise warme Kleidung geben konnten, trotzdem lachen und immer wieder zu einem herkommen. Ein Mädchen bestand darauf, mir ihren Spielzeug-Ring zu schenken. Unfassbar.
Am nächsten Tag nachdem bei Tovarnik alle Menschen per Bus woanders hingebracht wurden, fuhren wir auf die serbische Seite von Bapska. Hier hatte sich die Lage zwar zwischenzeitlich entspannt, was heißt, dass „nur“ noch circa 500 Menschen darauf warteten, die Grenze nach Kroatien passieren zu dürfen, um dann von Bussen ins nahegelegene Lager Opatovac gebracht zu werden.
Stunden vorher war es hier zu Ausschreitungen gekommen, bei denen die Polizei Pfefferspray eingesetzt haben soll. Wie unerträglich die Situation vorher gewesen sein muss, darauf deutet der Geruch hin. Ein bestialischer Geruch den ganzen Weg entlang hinunter bis zum eigentlichen Grenzübergang. Die Menschen mussten hier in diesem von Kot und Urin verseuchten Boden schlafen. Es ist unmenschlich.
Als wir wieder in Kroatien sind, kommen uns Busse mit Flüchtlingen entgegen. Unser Impuls: Wenden und den Bussen folgen. Sie fahren zum Bahnhof von Tovarnik. Dort wurden die Flüchtlinge direkt zu bereit gestellten Zügen gebracht. Gruppen werden getrennt, die Menschen dürfen ihre Reihe nicht verlassen und müssen dann im Laufschritt zum Zug. Schnell holen wir paketweise Wasser und Müsliriegel aus dem Transporter, verteilen alles, was wir finden können. Wenn wir nicht zufällig die Busse mitgekriegt hätten, dann wären all diese Menschen in den ersten Zügen stundenlang ohne Wasser und ohne eine Kleinigkeit zu Essen gewesen.
Als wir auf dem Weg nach Nickelsdorf die kroatisch-ungarische Grenze erreichen, werden wir Zeuge, wie das Militär systematisch Stacheldraht verlegt. Über Kilometer liegen die neuen Drahtrollen am Straßenrand. Ein Land, das sich systematisch abschottet. Jetzt nicht mehr, um seine Bürger am Fliehen zu hindern, sondern um niemand mehr hereinzulassen. Im Sprinter beschleicht uns ein sehr beklemmendes Gefühl. Europa schottet sich ab! Europa unternimmt nichts, um Geflüchteten im Regen und Dreck zu helfen. Dieses reiche Europa.
Wir sind wieder zurück und haben in den letzten Wochen weiter Sachspenden erhalten – auch die Klasse meiner Tochter hat fleißig gesammelt. Wir werden weitere Fahrten durchführen und mit Hilfsgütern unterstützen, spätestens Mitte November fahre ich wieder. Und die Arbeit wird weitergehen – auch damit: denen, die in ihren Bedenken nicht verstehen, was die Flüchtlinge zu uns treibt, zuzuhören und ihnen die Angst zu nehmen.
Ich bin dankbar und froh, dass Sie und ihr mich unterstützt habt, und wir gemeinsam somit ein Zeichen gesetzt haben.
Ich bedanke mich schon jetzt, falls ich ein weiteres Mal auf Sie zukommen dürfte.
Ihre
Claudia Stamm

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